Den Sommer einkochen, geht das?



Ein Thema, das mich immer wieder begleitet ist dieses Zu-viel. Zuviel an was, fragst du dich jetzt? Ich würde sagen, zuviel an vielem :-)

Ständig merke ich, dass bei den meisten meiner Klientinnen und Klienten die Ausgelaugtheit, die Überforderung, das "Nichtabschaltenkönnen" ein großes Thema ist.

Früher, als ich noch in einem Angestelltenverhältnis war, allein mit meinem Töchterlein, war dieses Zu-viel, schon natürlich auch von Außen bedingt, auch bei mir ein großes Thema. Ich dachte, ich müsste da jetzt durch, es geht nun mal nicht anders. Also war ich ständig im Stress. Irgendwie wollte auch ich jedem gerecht werden, was mir eh nicht gelungen ist. Dass das nicht gut tut auf Dauer, war relativ bald spürbar. Aber wie verändere ich das? Nun war der Stress nicht mehr nur im Außen, sondern auch im Inneren, da ich irrsinnige Angst hatte, meinem Herzen zu folgen. Was ist, wenn alles schiefgeht, was ich mir so wünsche? Was ist, wenn wir unsere Fixkosten nicht zahlen können? Was ist, wenn ich falsche Entscheidungen treffe? Was ist, wenn zuwenig Möglichkeiten bzw. Ressourcen für Nora da sind?

Und so habe ich dieses Zuviel genährt.

Dann kam noch das Zuviel an anderen Reizen dazu. Bis zu einem gewissen Punkt konnten wir uns natürlich lösen, und es war sehr befreiend. Zuviel an Abhängigkeiten von Außen, die natürlich auch selbst geschaffen und unterstützt werden. Ein Beispiel, was mir spontan einfällt, war der Fernseher. Nora wollte die eine Sendung am Tag, die sie schauen durfte, auch immer schauen. Die war um 19 Uhr, was für mich eigentlich schon zu spät war für sie. Also habe ich mich von der Abhängigkeit des Gerätes gelöst und siehe da, somit war die Möglichkeit weg und es wurde akzeptiert. In mir entstand ein richtiges Spiel daraus, was kann ich noch reduzieren, wie wenig brauchen wir wirklich. Und ich bemerkte, je mehr ich dieses "Spiel" spielte, wie wir immer glücklicher wurden.

Ich habe gelernt, es mir/uns einfacher zu machen, auch wenn ich im ersten Moment dachte, es ginge nicht so leicht. Ich habe gelernt, in die Eigenverantwortung zu gehen und selbstbestimmt zu leben. Ich habe gelernt, meine Ausreden durch Taten zu ersetzen. Natürlich lerne ich das immer noch, und das ist auch gut so, ich möchte nie aufhören zu lernen, sonst wär mir ja langweilig :-)

Also hab ich Schritt für Schritt mein Leben verändert, bin aus diesem Zuviel an denken, Ängsten, Sorgen, Zweifeln in meine Kraft und in meine Bedürfnisse gegangen und siehe da, das Leben hat mir mit jedem Schritt, den ich weitergegangen bin, gezeigt, dass er richtig ist und gar nicht schwierig, im Gegenteil.

Trotzdem bin ich froh, dieses Zuviel erlebt zu haben, da ich einfach merke, dass die meisten meiner Klienten und KlientInnen in diesem Muster stecken. Ich bin froh, beide Seiten zu kennen, sonst wäre es ja jetzt normal und vielleicht gar nicht so wertvoll für mich :-)

Momentan genießen wir alle die Herrlichkeit der Sommerferien. Es gibt diese Kinder, die sich in der Schule spielen und sie lieben und keinerlei Belastung in ihr sehen, gerade in der Volksschule ist das noch meistens so. Nicht so bei meinem Töchterlein. Sie braucht ihre Zeit, das rechnen fällt ihr gar nicht leicht und ich habe immer das Gefühl, es ist zu-schnell und zu-viel. Jetzt haben wir die 3. Woche Ferien hinter uns und ich spüre den starken Drang, die Zeit anhalten zu wollen. Ich denke auch, dass wir es uns erlauben dürfen, mit uns ehrlich zu sein und uns einzugestehen, dass wir nicht immer alles locker schupfen. Ich steh gerne dazu, bei uns ist es nicht so. Ich schupf diesen Schulalltag nicht locker. Und es tut momentan so gut. Einfach mal nicht zu müssen. Kein Stress in der Früh, Nora schläft oft bis 9, manchmal sogar 10 und ist so gut gelaunt danach. Kein Stress am Abend, da wir wissen, es läutet am nächsten Tag nicht um halb 7 ein Wecker. Wir leben in den Tag, müssen nicht noch 3 Seiten rechnen, von denen sich eine Rechnung schon anfühlt als wären es 3 Seiten, müssen nicht noch für den Sachunterrichtstest lernen, müssen nicht noch lesen. All diese Dinge sind ja eigentlich interessant und wichtig (meistens, nicht immer) - nur es ist eben zuviel auf einmal, wie ich finde. Gerade für Kinder, die mehr Bewegung, mehr "Sein" brauchen. Nun leben wir momentan unseren Rythmus, was natürlich, dank meiner neuen beruflichen Situation wunderbar geht und dafür bin ich unendlich dankbar, ich kenn ja die andere Seite gut genug.

Am liebsten möcht ich gerade den ganzen Sommer einkochen, nicht nur mein Gemüse und Obst für den Winter, sondern all die damit verbundenen Gefühle in uns. Die viele Zeit, den Raum, den Platz fürs Sein. Und nicht allein wegen der Jahreszeit. Ja - er ist wunderschön, aber ich liebe alle Jahreszeiten. Ich bin ein absoluter Jahreszeiten-Mensch. Aber das, was für mich den Sommer so besonders macht, ist die Unabhängigkeit von schulischen Verpflichtungen im Außen, die dieses Zuviel an allem schnell entstehen lassen.

Und sind wir doch ehrlich zu uns, bei jedem von uns ist da noch viel Raum, unser individuelles Zuviel loszulassen. Und es ist ein großes Geschenk an uns selbst, wenn wir wieder lernen für uns selbst da zu sein. Uns zu stärken. Uns zu spüren. Uns wahrzunehmen. Ich hatte letztens eine Behandlung, eine Dame, die zum ersten Mal Shiatsu bekommen hatte und gar keine Vorstellung davon hatte. Nach der Behandlung fragte sie mich, was sich nun für sie verändern würde. Meine Antwort war, dass ich ihr das nicht sagen kann, sondern sie das in sich spüren darf. So hat es mich erstaunt, als sie daraufhin meinte: "Was ist aber, wenn man nicht so ein spüriger Mensch ist?"

Eine meiner wichtigsten Intentionen für mich selbst und für die Leute, die zu mir in die Praxis kommen ist genau das, wieder ins Spüren zu kommen, uns selbst wahrzunehmen. Unsere Bedürfnisse wieder kennzulernen und Ihnen so gut es geht Raum zu geben. Wir haben das alle in uns, es gibt keine nicht so spürigen Menschen und die Spürigen. Es gibt die, die sich nah sind und die, die sich etwas oder etwas mehr entfernt haben. Aber wir können uns selbst wieder Stück für Stück näher kommen, wenn wir das wollen. Und ja, das kann mitunter ein Weg sein. Je nachdem, wie weit wir uns schon entfernt haben davon. Auch ich kenne das sehr gut. Umso schöner ist es, wieder umzudrehen, und auf uns selbst zuzugehen, achtsam mit uns zu sein. Je mehr wir in uns horchen, umso weniger muss unser Körper auf sich aufmerksam machen. Umso weniger sind wir in Abhängigkeiten von außen, sei es von Tabletten, Gesundheitsratgebern und Sonstigem. Ich bin natürlich dankbar für viele Lehren und Möglichkeiten, die uns helfen, uns wieder besser kennenzulernen und uns auf dem diesem Weg unterstützende Freunde sind (als das sollten wir es sehen denke ich) dennoch weiß ich, was dem einen hilft, tut dem anderen nicht gut. Also wie wichtig und wertvoll ist es da, wenn man sich selber gut spürt? Und noch dazu das nötige Vertrauen in sich hat, überzeugt von dem zu sein, was wir spüren. Oftmals zeigen sich Überforderungen in Symptomen wie Rückenschmerzen, Sorgen, Migräne, Erschöpfungszuständen, Schlaflosigkeit, Rastlosigkeit, Unruhe und so vielem mehr -> lies gerne dazu in meinem Blogartikel vom Mai nach:

https://www.shiatsunest.net/single-post/2018/05/25/Schlafst%C3%B6rungen-Un-ruhe-Rastlosigkeit-Ersch%C3%B6pfung-Angst-R%C3%BCckenschmerzen-Stress-Hormonst%C3%B6rungen-Tinnitus

Und trotzdem jetzt grade viel los ist in der Praxis - ich hatte ja eher mit sommerbedingten Lücken gerechnet - kommt es mir nie vor, als sei es Zuviel. Weil ich diese Arbeit liebe und mit ganzem Herzen dabei sein kann.

Schön langsam weiß ich, wir sollten wieder mehr lesen, mehr rechnen, mehr schreiben und - und - und.....aber noch genießen wir dieses nichts müssen.

Ich hoffe ihr habt alle die Möglichkeit euch eure Räume im Sommer - und natürlich auch sonst - zu schaffen, dem Zuviel ein wenig zu entkommen und das gewonnene Qi - die gewonnene Kraft - für danach einzukochen :-). Das ist das, was ich gerade übe und lerne. Nicht nur beim Obst und Gemüse.

Fühlt euch umarmt auf diesem Weg und genießt die Sonne,

von Herzen, Steffi




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